Gleichstellungsbeauftragte Landkreis Stade

Anne Behrends

Tel.: +49 (0)4141 12 1005

Aktuelles

„Lassen Sie sich von dem Stress in Ihren Parteien rund um Nominierung und Wahl nicht kirre machen! Es gibt Licht am Ende des Tunnels!"
Frauenpolitischen Sommerempfang der lag im August: Frauen in die Politik!

Als Gastrednerin des Frauenpolitischen Sommerempfangs der Landesarbeitsgemeinschaft kommunaler Frauenbüros in Niedersachsen schöpfte Referentin Uta Kletzing von der Europäischen Akademie für Frauen in Politik und Wirtschaft Berlin e.V. (EAF) aus ihrer ganz aktuellen, bisher noch unveröffentlichten Doktorarbeit wichtige Erkenntnissen für die Politik. Der vielversprechende Titel ihres Vortrags an dem Abend: „Der Geschlechterblick auf Bürgermeisterinnen und Bürgermeister: Was ist anders? Was ist gleich?“

Kletzing stellte fest, dass die Frage, inwiefern Frauen anders führen, leider allzu oft ideologisch diskutiert werde. Deshalb habe sie sich vor mehreren Jahren entschieden, nach zehn Jahren der frauen- und gleichstellungspolitischen Praxiserfahrung das Thema wissenschaftlich in einer Doktorarbeit aufzuarbeiten und damit der Wahrheit auf die Spur zu kommen.

Forschungsgegenstand waren 2012 Bürgermeisterinnen und Bürgermeister der SPD in Nordrheinwestfalen. So ist sie zum Beispiel in ihren Recherchen zu dem auffälligen Ergebnis gekommen, dass etliche der hauptamtlichen Bürgermeisterinnen wie „Trümmerfrauen“ zu ihrem Amt gekommen seien: Die Parteien waren um Kandidaten verlegen, und die Kommune war in einem trümmerhaften Zustand hinterlassen worden. Unter solchen Umständen gab es parteipolitischen Rückhalt für die Kandidatinnen, und sie wurden gewählt.

Auffällig ist, dass Männer und Frauen im Bürgermeisteramt nach erfolgreicher Wahl hohe Zufriedenheit erleben. Doch da beginnen schon die Unterschiede: Anders ist die „Ausgeschlossenheit in der Eingeschlossenheit“, so Kletzing. Frauen seien zwar nicht mehr die seltene Ausnahme im Bürgermeisterinnenamt, aber doch auch noch längst nicht die Regel. Männer bilden in allen Gremien die Mehrheit, und sie haben lange vor den Frauen die Spielregeln der Politik geschaffen und zementiert. Männer haben somit die Rolle der „Alteingesessenen“ mit entsprechender Bewertungshoheit über die „Nachzüglerinnen“.

Gut ausgebildete, weiße Frauen aus der Mittelschicht sind heute die potenziellen „Mitspielenden“, die für sich in Anspruch nehmen, ihr Leben selbstbestimmt zu gestalten. Frauen erleben, dass in der Phase der innerparteilichen Nominierung bis zur Wahl über sie bestimmt wird, aber im Amt angekommen, sind es die Frauen, die die Bestimmerinnen und auch Mitberstimmerinnen ihrer Amtsbedingungen werden. Durch ihre Amtsrolle schaffen es die meisten Bürgermeisterinnen, die Geschlechterrolle und – ohnmacht abzuschütteln.

Die Ortsparteien bestimmen die Wahlsituation: Es ist für Frauen nicht so leicht, auf gute Listenplätze zu kommen, Männer werten die Eignung der Kandidatin eher ab, während die der Kandidaten eher aufgewertet werde. Männer nominieren gerne Kandidatinnen für dieses Amt, wenn kein männlicher Bewerber gefunden werde, während männliche Bewerber in deutlich aussichtsreicheren Wahlsituationen kandidieren. Und nicht selten fehle es an innerparteilichem Rückhalt im Wahlkampf für die Kandidatin. In all diesen drei Punkten sind Frauen Männern gegenüber um einiges schlechter positioniert – mit objektiv schlechteren Wahlchancen für die erste Wahl.

Kletzing möchte Frauen trotz der anfänglichen Nachteile und Behinderungen in der Wahlsituation doch unbedingt Mut machen, diese durchzustehen, denn danach werde es einfacher und angenehmer. Ihre wichtige Botschaft des Abends: „Lassen Sie sich von dem Stress in Ihren Parteien rund um Nominierung und Wahl nicht kirre machen – es gibt Licht am Ende des Tunnels, wenn Sie erstmal Bürgermeisterin sind!“

Eine der weiteren Erkenntnisse aus Kletzings Arbeit ist die erschwerte Situation, die die Frau als Bürgermeisterin erfährt: Denn die Bürgermeisterin regiert in der Regel nicht mit der Mehrheitsfraktion, sondern oft mit ihrer eigenen Partei in der Minderheit. Sind die Mehrheitsverhältnisse für die Partei klar, schaffen Frauen es kaum, nominiert zu werden. So regieren Bürgermeisterinnen gegen die Ratsmehrheit bzw. die Ratsmehrheitskoalition. Das ist ein Kraftakt und erfordert großes Geschick, wie jeder und jede in dem Geschäft weiß.

Die Vereinbarkeit von Familie und politischem Amt bildet einen weiteren bereits bekannten Unterschied: Männer haben Rückhalt in der Familie. Ihnen wird der „Rücken freigehalten“, egal ob es die Versorgung ist, die Betreuungs- und Erziehungsaufgaben in der Familie oder auch zeitliche Ressourcen ihrer Partnerinnen. Wie in so vielen anderen beruflichen Bereichen zeigt sich auch für das hauptamtliche Bürgermeisteramt, dass es ein Anderthalb-Personen-Beruf ist. Es braucht also eine „halbe“ Kraft unbezahlt und flexibel verfügbar hinter den Kulissen, um allein die zeitlichen Anforderungen des Bürgermeisteramtes zu erfüllen. Das trifft Frauen, die selten auf Partner treffen, die sich nicht über die eigene berufliche Identität definieren, hart.

Dennoch: Es zeigt sich, dass Frauen in Bürgermeisterpositionen das Amt sehr erfolgreich - auch ohne eine zusätzliche halbe Kraft im Hintergrund ausführen, denn Frauen werden genauso oft wiedergewählt wie Männer. Fazit: Frauen haben also den Wahlerfolg und auch den Amtserfolg trotz größerer Hemmnisse. Und dennoch: Wie kann es aber sein, fragt Kletzing, dass Frauen immer wieder in diese Ämter gewählt und wiedergewählt werden und die Ämter so erfolgreich ausfüllen? Auf diese Frage gibt Kletzing folgende Antwort: Es sind weniger die Ortsparteien, die an dieser Stelle die Entscheider sind, sondern die Bürgerinnen und Bürger der Kommune selbst, die ihre Bürgermeisterin schätzen gelernt haben und deshalb wiederwählen.

Ziel aller frauenpolitischen Anstrengungen der kommenden Jahre sei die Parität der Geschlechter im politischen Feld. Daran müsse noch intensiv weiter geforscht werden, damit das Ziel erreicht und praktisch umgesetzt werden kann.

Archiv Beiträge

Cookies erleichtern die Bereitstellung unserer Dienste. Mit der Nutzung unserer Dienste erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Cookies verwenden.
Ok